Bonner Online-Bibliographie zur Comicforschung
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Clausberg, Karl: "Stimmbänder der Bildphantasie. Synästhetische Rückwege der Schrift zur Sprache." In: Phonorama. Eine Kulturgeschichte der Stimme als Medium. Hrsg. v. Brigitte Felderer. Berlin: Matthes & Seitz, 2004, S. 71–84. 
Resource type: Book Article
Languages: deutsch
BibTeX citation key: Clausberg2004
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Categories: General
Keywords: Historischer Überblick, Sprechblase
Creators: Clausberg, Felderer
Publisher: Matthes & Seitz (Berlin)
Collection: Phonorama. Eine Kulturgeschichte der Stimme als Medium
Attachments   URLs   http://www.zkm.de/phonorama/12.ht ...
Abstract
Die Entwicklungsgeschichte der Sprechblase im Telegrammstil: Sprechblasen unseres Comic-Strip-Zeitalters entwickelten sich aus den fragilen Papyrus-Buchrollen der Antike; die wurden zunächst zu frei flatternden Spruchbändern von scheinbar höchster Reißfestigkeit, dann bildeten sich regelrechte Tonbänder, die mitunter an Tonabnehmerköpfen vorbeigezogen erscheinen. Bei der Herausbildung oraler Bandrollendialekte, die aus heutiger Sicht den Ton der scheinbar zielgerichteten Formprägungen angeben, spielte die mittelalterliche Kunst eine Schlüsselrolle. Spruchbänder und Redefahnen entfalteten mit ihrer Freisetzung aber auch gänzlich andere imaginäre Organqualitäten: In der mittelalterlichen Bildkunst konnten Menschen mehr Gliedmaßen haben als in der Natur: ausfahrende Spruchbandzungen, Riesenfinger und Tentakeln, sensible Lenkwaffen und Schlingen. Der instrumentell körpersprachliche Charakter der visualisierten Bildreden verflüchtigte sich jedoch – von phantasievollen Ausnahmen abgesehen – mit Beginn der Neuzeit. Stattdessen scheint ein eher ungreifbar exotisches Bildelement, der Tabakrauch im Atemhauch, das massenhafte Fortzüngeln der Sprechfahnen angefacht zu haben; besiegelt wurde ihr endgültiger Aufstieg als Sprechblasen mit dem Anbruch der Luftschifffahrt.
Die Geschichte der realen, von der persischen Post bis zum Computereinsatz reichenden Kommunikations- und Informationsmedien lässt sich also ergänzen durch eine Geschichte virtueller Medien, die sich als Epiphänomen der Basistechnologien herausgebildet und oft ein erstaunliches Eigendasein entwickelt haben. Der spektakulärste Fall ist sicher das Nachleben der antiken Buchrolle, die in nahezu zweitausendjähriger Kunstgeschichte zur Sprechblase der Comic-Strips umgeformt wurde. An ihr können wesentliche Veränderungen der sie tragenden Kultur, zum Beispiel von der Literalität zur Oralität im Frühmittelalter, oder der Einfluss von althergebrachten Vorstellungen auf neuartige Leitbilder, exemplarisch abgelesen werden.
Aber auch die medieninternen Veränderungen, bedingt vor allem durch das Verschwinden der realen Buchrollen, sind als Eigendynamik der Repräsentationssysteme sorgfältiger Betrachtung wert. Das Endprodukt, die Sprechblase, ist heute massenhafter modularer Bestandteil einer »Literatur in Bildern«, deren Realiencharakter auf der Hand liegt, während intern eine zunächst ins Abbildhafte überführte und dann denaturierte historische Datenträgerform den Texttransport übernahm.
  
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